Geschichte

Zur Geschichte der Humboldt-Gesellschaft

Im Jahr 2022 kann die Humboldt-Gesellschaft auf ihr 60-jähriges Bestehen zurückblicken. Sie wurde am 12. Mai 1962 in Mannheim gegründet, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, neun Monate nach dem Bau der Berliner Mauer.

Die Initiative ging von dem Juristen Herbert Kessler (1918-2002) aus, der damit auf die zunehmenden politischen und kulturellen Spannungen in der Bundesrepublik reagieren wollte. Die Humboldt-Gesellschaft sollte ein Forum der geistigen Mitte sein, das die Möglichkeit zum Austausch auch kontroverser Standpunkte im Sinne einer pluralistischen Gesellschaft bieten sollte. Besonderes Augenmerk galt auch der Zusammenführung der zusehends auseinanderstrebenden Geistes- und Naturwissenschaften.

Dieses Programm sollte die Namenswahl verdeutlichen: Als „Vorkämpfer eines freien Geisteslebens“, wie es bis heute in der Satzung (§ 1) heißt, bestimmen die Brüder Humboldt das Selbstverständnis der Humboldt-Gesellschaft.

Wilhelm von Humboldt (1767-1835) ist einer der Begründer des politischen Liberalismus. Er lebte und wirkte in den politisch und kulturell führenden Hauptstädten Europas. Er entwarf eine Bildungstheorie, deren Zentralgedanke in der Forderung nach der höchstmöglichen Entfaltung der Kräfte des Einzelnen besteht. Dem gegenüber hat der Staat Grenzen zu respektieren, die ihn daran hindern, den Einzelnen politisch und sozial zu bevormunden. Als Bildungsreformer mit weltweiter Ausstrahlung entwarf er ein revolutionäres Konzept allseitiger, die sozialen Klassen hinter sich lassender Bildung, das Elementarschule, Gymnasium, Universität und Berufsbildung gleichwertig umfasste; als Universitätsgründer etablierte er die Autonomie der Universität und die Freiheit von Forschung und Lehre. In seiner Sprachforschung erkannte er, dass sprachliche Vielfalt auch kognitive Vielfalt bedeutet.

Alexander von Humboldt (1769-1859) bereiste fünf Jahre lang den amerikanischen Kontinent und unternahm 1829 eine Forschungsreise durch Russland bis zum Altai-Gebirge an der chinesischen Grenze. Er lebte mehr als zwei Jahrzehnte in Paris, wo er die meisten seiner Schriftwerke publizierte. Er fühlte sich gleichermaßen in französischen wie in deutschen Wissenschaftskreisen heimisch. Seine Schriften erschienen bereits zu seinen Lebzeiten in fünfzehn Sprachen an mehr als 400 Druckorten. Alexander von Humboldt setzte sich nachdrücklich für die Abschaffung der Sklaverei und, ebenso wie sein Bruder Wilhelm, für die Emanzipation der Juden ein. Er förderte junge Forscher und Künstler und hielt kostenlose öffentliche Vorträge, um breiten Bevölkerungskreisen Wissenschaft nahe zu bringen.
Der Humboldt-Gesellschaft ist es nicht immer gelungen, den hohen Ansprüchen, die mit der Wahl der Brüder Humboldt als Namensgeber verbunden waren, gerecht zu werden. Besonders in ihrer Anfangsphase zeichnet sich eine deutliche Prägung durch antiliberale politische Positionen ab, die auch gelegentliche Berührungen mit antidemokratischen, hin und wieder sogar rassistischen Traditionen erkennen lassen. Das spiegelt sich wider in vereinzelten Beiträgen der „Abhandlungen“ sowie vor allem auch in Ehrungen, welche die Humboldt-Gesellschaft in ihren frühen Jahren vorgenommen hat.

Es versteht sich von selbst, dass die Humboldt-Gesellschaft im 21. Jahrhundert diese Tendenzen, die dem Geist der Brüder Humboldt und damit auch der Gründungsidee der Humboldt-Gesellschaft widersprechen, hinter sich gelassen hat. Im Sinne von Wilhelm und Alexander von Humboldt tritt die Humboldt-Gesellschaft allen Versuchen entgegen, den Namen Humboldt für totalitäre, reaktionäre oder elitäre Ideologien zu missbrauchen.

Denn jede demokratieverpflichtete Vereinigung ist zu sorgfältiger Prüfung, Wachsamkeit und Abwehr gegenüber extremistischem Gedankengut aufgerufen. Für die Humboldt-Gesellschaft gilt dies insbesondere, weil die Humboldt-Brüder in außergewöhnlich engagierter Weise für liberale und demokratische Prinzipien gekämpft haben.

Zum Selbstverständnis der Humboldt-Gesellschaft gehört deshalb auch die Verantwortung für eine gewissenhafte Aufklärung und Offenlegung ihrer eigenen Geschichte, der sie sich in nächster Zeit besonders intensiv widmen wird. Dabei überprüft sie sorgfältig zeitgebundene Werthaltungen, und es bedarf keiner näheren Erklärung, dass sie sich von allen extremistischen, antidemokratischen und antihumanistischen Denk- und Handlungsmustern fernhält. Maßgebliche Beurteilungsbasis bleiben die humanistischen Grundüberzeugungen der Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, die auch in der Gegenwart und für die Zukunft wachzuhalten die Humboldt-Gesellschaft als ihre wichtigste Aufgabe betrachtet.