Geschichte

Die Humboldt-Gesellschaft distanziert sich von rechten Ideologien und beschließt die kritische Aufarbeitung ihrer Geschichte.

Der Name Humboldt wurde vielfach missbraucht: im Kaiserreich, im ‘Dritten Reich’ und in der DDR – aber offenbar auch in der Humboldt-Gesellschaft. Zu deren Gründern und Preisträgern zählen Personen mit nationalsozialistischer Vergangenheit sowie Akteure der neuen Rechten. Ihre Publikationen zeigen zum Teil nationalistische, demokratiefeindliche und wissenschaftsskeptische Tendenzen. Der Name Humboldt diente anscheinend als Tarnung, um Ideologien zu verbreiten, die dem Werk der Brüder Humboldt eklatant widersprechen. Die Humboldt-Gesellschaft stellt sich ihrer Verantwortung für ihre Geschichte und beschließt deren kritische Aufarbeitung.

Die Humboldt-Gesellschaft distanziert sich entschieden von den rechtsradikalen Äußerungen und Schriften früherer Mitglieder sowie gleichfalls von denen einzelner Preisträger. Sie ist eine liberale Gesellschaft, die sich für Wissenschaft, Kunst und Bildung engagiert und den Dialog zwischen verschiedenen Fächern, Kulturen und Generationen fördert. Davon zeugen die vielfältigen Aktivitäten, Auszeichnungen und Veröffentlichungen vor allem aus ihrer jüngeren Vergangenheit.

Gegründet wurde die Humboldt-Gesellschaft von 24 Personen am 12. Mai 1962 an ihrem Sitz in Mannheim. Initiator war der Jurist Herbert Kessler. Vor allem in ihrer Anfangszeit hatte sie eine Reihe von Auseinandersetzungen hinsichtlich des Einflusses aus dem rechten Milieu. Dies lässt sich unter anderem an der umstrittenen Präsidentschaft von Carl Haensel und den Äußerungen einzelner Preisträger der Humboldt-Gesellschaft nachverfolgen. Eine Nähe zum NS-Regime hatten zum Beispiel Karlfried Graf Dürckheim (Humboldt-Plakette als Ehrengabe 1972) sowie die Empfänger der Goldenen Medaille der Humboldt-Gesellschaft Konrad Lorenz (1972) und Wernher von Braun (1975).  

Versuche, den Namen Humboldt für totalitäre, nationalistische oder elitäre Ideologien zu vereinnahmen, haben mit dem Werk der Brüder Humboldt nichts zu tun.

Wilhelm von Humboldt gilt als ein Begründer des politischen Liberalismus. Er entwarf ein egalitäres Bildungskonzept, das Elementarschule, Gymnasium, Universität und Berufsausbildung gleichwertig umfasste. In Forschung und Politik setzte er sich für die Vielfalt menschlicher Lebensformen ein und reflektierte dabei auch das Spannungsverhältnis zwischen der Forderung nach Diversität und dem universalen Anspruch der Aufklärung. In seiner Sprachforschung erkannte er, dass sprachliche Vielfalt auch kognitive Vielfalt bedeutet. Er lebte in verschiedenen Städten Europas und hatte ein entschieden kosmopolitisches Weltbild.

Alexander von Humboldt bereiste fünf Jahre lang die Amerikas und lebte mehr als zwei Jahrzehnte in Paris, wo er die meisten seiner Bücher verfasste. Er war ein französischer mindestens ebenso wie ein deutscher Wissenschaftler. Seine Schriften erschienen zu seinen Lebzeiten in fünfzehn Sprachen an mehr als 400 Orten auf fünf Kontinenten. In ihnen setzte er sich ein für die Abschaffung der Sklaverei und für die Emanzipation der Juden. Er kritisierte den Kolonialismus und machte aufmerksam auf die Unterdrückung der indigenen Völker. Er förderte junge Künstler und Forscher und hielt, um die Wissenschaften zu öffnen, kostenlose öffentliche Vorträge für breite Bevölkerungsschichten.

Die Humboldt-Gesellschaft ist dem Werk Wilhelm und Alexander von Humboldts verpflichtet, das für Aufklärung, Internationalität und Offenheit steht. Aus diesem Grund beschließt das Präsidium zusammen mit Prof. Dr. Oliver Lubrich und Prof. Dr. Ruprecht Mattig, umgehend geeignete Maßnahmen zur lückenlosen Aufarbeitung der Geschichte der Humboldt-Gesellschaft einzuleiten.

Das Präsidium der Humboldt-Gesellschaft
zusammen mit Prof. Dr. Oliver Lubrich und Prof. Dr. Ruprecht Mattig,
19. November 2021